Die Kraft der Erde

Es ist acht Uhr morgens. Wir sind früh aufgestanden, um nicht zu spät zu kommen. Heute möchten wir Berge, Felder, Wälder, den Himmel und die Vulkane aus einer anderen, neuen und überraschenden Perspektive betrachten. Nach dem Aufblasen des Ballons steigen wir in den Korb. Und plötzlich halten wir den Atem an: Wir schweben. Langsam aber stetig geht es nach oben. In einer knappen Minute befinden wir uns schon hunderte Meter über der Erde, im Gleichgewicht mit der Luft, ohne weiter aufzusteigen. Nach kurzer Zeit überfliegen wir die Vulkane Croscat und Santa Margarida, wo die kleine Kapelle im Krater zu sehen ist. Zahlreiche weitere große und kleine Vulkankegel werden sichtbar. Im Hintergrund steigen die Pyrenäen auf. Wir genießen die Aussicht und stoßen mit einem Glas Sekt darauf an, unsere Ängste überwunden und einen Traum verwirklicht zu haben. 

Unter unseren Füßen fällt ein Sonnenstrahl schüchtern auf die Fageda d’en Jordà, den berühmtesten Buchenwald des Landes. Egal zu welcher Jahreszeit, sein Anblick ist immer ein Erlebnis und eine der Hauptattraktionen des Gebiets. Im Herbst bietet sein rötliches und goldenes Blätterkleid ein einzigartiges buntes Schauspiel. Manche Besucher bevorzugen dagegen den Frühling, wenn die grünen Blätter die Sonnenstrahlen abschirmen und unter den Zweigen einen zauberhaften Halbschatten bilden. Nicht umsonst ist der auf einem Lavastrom wachsende Buchenwald als Heimstatt von Kobolden und sonstigen fantastischen Lebewesen bekannt. Berühmt wurde er wohl auch durch die Verse von Joan Maragall, einem der bekanntesten katalanischen Dichter. Eine besondere Möglichkeit, seine einzigartige Atmosphäre zu genießen, ist ein Ritt durch den Wald. 

Der letzte Vulkanausbruch in Katalonien fand vor 11.500 Jahren am Croscat statt, einem der markantesten Vulkane der Garrotxa und der höchste auf der Iberischen Halbinsel. Auf einem markierten Weg können Besucher einen Blick in sein Inneres werfen, das vor Jahren von einem Steinbruch auf einer Höhe von 100 Metern und einer Breite von 500 Metern freigelegt wurde. Es ist einer der zahlreichen Vulkane in diesem nunmehr geschützten Gebiet, das nicht nur geologisch von Interesse ist, sondern auch eine vielfältige Vegetation und eine sehenswerte Landschaft aufweist. Nachdem wir die Vulkane aus der Vogelperspektive gesehen haben, möchten wir sie auch aus der Nähe erforschen. Dazu unternehmen wir einen Spaziergang im Bereich des Croscat und zum Vulkan Santa Margarida, der aufgrund seiner breiten und runden Form zu den meistbesuchten gehört. Wir nehmen den Weg, der uns in einer halben Stunde zum Krater führt, wo die Kirche Santa Margarida auf einer großen Wiese erscheint. Ihr Anblick lässt uns unvermittelt zur Kamera greifen und bleibt vielleicht auch deshalb für immer in unserem geistigen Auge. 

Zum Abschluss unserer Reise durch die Vulkanlandschaft besuchen wir das malerische Dorf Santa Pau, dessen charmante Straßen und Plätze aus einem Katalog zu stammen scheinen. In einem Restaurant verkosten wir die berühmte „Vulkanküche“, Gerichte aus heimischen Produkten, die auf der feuchten und mineralreichen vulkanischen Erde gewachsen sind. Zu diesen gehören Kartoffeln, eine spezielle Bohnensorte, Buchweizen, Mais, weiße Rüben und Kastanien, aber auch Trüffel, Schnecken, Schweinefleisch und Wildschwein. Zum Abschluss des exquisiten Menüs serviert man uns köstliches Bohneneis. Die Überraschung ist gelungen.